Notfall am Berg: Notruf absetzen, Erste Hilfe leisten, Rettung erwarten
Was du bei einem Unfall beim Wandern der Reihe nach tust: Absichern, 112 anrufen, Standort durchgeben, Verletzte versorgen und den Hubschrauber einweisen.
Ein verstauchter Knöchel auf dem Abstieg, ein Sturz auf nassen Wurzeln, ein Kreislaufzusammenbruch in der Mittagshitze: Notfälle beim Wandern kommen meist ohne Vorwarnung, und oft sind die Begleitpersonen in diesem Moment allein mit der Situation. Wer dann weiß, was in welcher Reihenfolge zu tun ist, bleibt ruhiger und hilft wirksamer.
Dieser Ratgeber beschreibt den Ablauf von der ersten Minute bis zum Eintreffen der Rettung. Er ersetzt keinen Erste-Hilfe-Kurs. Einen solchen Kurs, idealerweise einen speziellen Outdoor-Kurs, solltest du alle paar Jahre auffrischen, wenn du regelmäßig wanderst.
Das Wichtigste in Kürze
- Erst die eigene Sicherheit, dann die Verletzten: Steinschlag, Absturzkante und Wetter im Blick behalten.
- Notruf 112: Wo, was, wie viele, welche Verletzungen, dann auf Rückfragen warten.
- Viele Handys übermitteln beim Notruf automatisch den Standort an die Leitstelle. Trotzdem selbst den Ort so genau wie möglich beschreiben.
- Verletzte vor Kälte schützen: Rettungsdecke, Kleidung, Isolation vom Boden.
- Hubschrauber einweisen: beide Arme hoch in Y-Form heißt „Ja, wir brauchen Hilfe“.
Ruhe bewahren und absichern
Der erste Impuls ist, sofort zu der verletzten Person zu stürzen. Halt kurz inne und schau dich um. Besteht Gefahr durch Steinschlag, eine Absturzkante, einen reißenden Bach oder ein nahendes Gewitter? Dann sicherst du zuerst dich selbst und hilfst danach. Eine zweite verletzte Person macht die Lage nur schlimmer.
Wenn möglich, bring die verletzte Person aus der unmittelbaren Gefahrenzone, aber nur, wenn das ohne zusätzliches Risiko geht. Bei Verdacht auf eine Verletzung der Wirbelsäule solltest du sie nur bewegen, wenn sie an der Stelle nicht bleiben kann.
Den Zustand einschätzen
Sprich die Person an. Antwortet sie, frag nach Schmerzen und dem Unfallhergang. Antwortet sie nicht, prüfe die Atmung: Kopf leicht nach hinten neigen, Kinn anheben, sehen, hören und fühlen, ob sie normal atmet.
- Bewusstlos, aber normale Atmung: stabile Seitenlage, Notruf, regelmäßig die Atmung kontrollieren, vor Kälte schützen.
- Keine normale Atmung: Notruf und sofort mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung beginnen. Wenn zwei Personen helfen, telefoniert eine, während die andere drückt.
- Ansprechbar mit Verletzung: Notruf, wenn die Person nicht selbst weitergehen kann oder die Verletzung ernst ist. Blutungen stillen, Brüche ruhigstellen, warm halten.
Den Notruf absetzen
Die 112 erreichst du in ganz Deutschland und in der EU, kostenlos und ohne Vorwahl. In Deutschland brauchst du dafür eine eingelegte SIM-Karte, Guthaben ist aber nicht nötig. Über die Leitstelle wird im Gebirge auch die Bergwacht alarmiert.
Hast du in deinem eigenen Netz keinen Empfang, versucht das Handy beim Notruf, sich in ein anderes verfügbares Netz einzuwählen. Wenn auch das nicht klappt, steig ein Stück auf, geh auf eine Lichtung oder an eine Stelle mit freiem Blick ins Tal und versuch es erneut. In manchen Fällen kommt eine SMS noch durch, wenn ein Anruf nicht klappt. Die Notruf-App der Bundesländer ermöglicht es, auch per App Hilfe zu rufen; sie ist vor allem für Menschen gedacht, die nicht telefonieren können.
Am Telefon beantwortest du die Fragen der Leitstelle. Diese Angaben sind besonders wichtig:
- Wo: Name des Weges, letzter Wegweiser, nahe Hütte, Gipfel oder Ort, Höhe, wenn bekannt. Hast du eine Karten-App, lies die Koordinaten ab. Viele Smartphones übermitteln beim Notruf zusätzlich automatisch ihren Standort an die Leitstelle. Verlass dich aber nicht allein darauf.
- Was: Was ist passiert? Sturz, Kreislaufproblem, Herzbeschwerden, Verirrt?
- Wie viele: Wie viele Personen sind betroffen?
- Welche Verletzungen: Bewusstsein, Atmung, Blutungen, Schmerzen, Fehlstellungen.
- Warten: Leg erst auf, wenn die Leitstelle das Gespräch beendet. Halte danach das Handy erreichbar und spar Akku.
Erste Hilfe bis zum Eintreffen der Rettung
Eine Bergrettung kann dauern, je nach Ort, Wetter und Verfügbarkeit eines Hubschraubers. In dieser Zeit ist es deine Aufgabe, die verletzte Person stabil und warm zu halten.
Wärmeerhalt ist oft das Wichtigste. Auch an einem warmen Sommertag kühlt ein Mensch, der verletzt auf dem Boden liegt, schnell aus, besonders am Berg, bei Wind oder nach Schweiß. Leg eine Isomatte, einen Rucksack oder Kleidung unter die Person, deck sie mit allem zu, was ihr habt, und nutze die Rettungsdecke. Wichtig ist dabei vor allem, dass die Decke den Körper vollständig umhüllt und vor Wind schützt.
Blutungen stillst du mit Druck auf die Wunde, idealerweise mit einer Kompresse und einem Druckverband. Verdacht auf Brüche an Armen oder Beinen: so lagern, wie es für die Person am angenehmsten ist, und ruhigstellen, etwa mit Kleidung, Isomatte oder Stöcken. Versuche nicht, Fehlstellungen einzurenken.
Betreuung ist nicht zu unterschätzen. Bleib bei der Person, sprich mit ihr, erkläre, was du tust und dass Hilfe unterwegs ist. Gib ihr nichts zu essen oder zu trinken, wenn eine Operation wahrscheinlich ist oder sie nicht vollständig wach ist.
Wenn du allein bist
Ist niemand in der Nähe, der helfen kann, setzt du so früh wie möglich den Notruf ab. Ohne Empfang kannst du das alpine Notsignal geben: sechsmal pro Minute ein Zeichen, also etwa alle zehn Sekunden ein Ruf, ein Pfiff oder ein Lichtzeichen, dann eine Minute Pause und von vorn. Die Antwort lautet dreimal pro Minute. Eine Trillerpfeife ist dafür deutlich besser als die Stimme.
Musst du die verletzte Person verlassen, um Hilfe zu holen, versorge sie zuerst so gut es geht, halte sie warm, notiere oder merke dir den genauen Ort und lass ihr Handy, Wasser und eine Lampe da, wenn möglich.
Hubschrauber einweisen
Wenn ein Rettungshubschrauber kommt, hilft es, wenn du ihn auf euch aufmerksam machst und richtig einweist:
| Zeichen | Bedeutung |
|---|---|
| Beide Arme schräg nach oben (Y-Form) | „Ja, wir brauchen Hilfe“ |
| Ein Arm schräg nach oben, einer schräg nach unten (N-Form) | „Nein, wir brauchen keine Hilfe“ |
Stell dich mit dem Rücken zum Wind, damit die Crew die Windrichtung erkennt. Sichere vorher lose Gegenstände wie Jacken, Rucksackhüllen, Kappen oder Rettungsdecken, denn der Abwind des Rotors ist enorm. Geh nie von dir aus auf den Hubschrauber zu, sondern warte auf Zeichen der Besatzung. Nähere dich dann nur von vorn und im Sichtfeld des Piloten.
Kosten einer Rettung
Eine medizinisch notwendige Rettung wird in Deutschland in der Regel von der Krankenkasse übernommen. Schwieriger wird es, wenn niemand verletzt ist, etwa bei einer Bergung von erschöpften oder verirrten Wandernden. Solche Einsätze werden oft nicht von der Krankenkasse bezahlt und können teuer werden. Viele Wandernde schließen deshalb eine Versicherung für Bergungskosten ab oder sind über die Mitgliedschaft in einem Alpenverein abgesichert. Prüf vor allem vor Touren im Ausland, ob du ausreichend versichert bist. Die Kostenfrage darf aber niemals dazu führen, dass du in einer echten Notlage zögerst, Hilfe zu rufen.
Vorbeugen ist die beste Rettung
- Erste-Hilfe-Kenntnisse regelmäßig auffrischen
- Ein vollständiges Erste-Hilfe-Set mit Rettungsdecke und Trillerpfeife immer dabeihaben
- Das Handy geladen halten, eine Powerbank mitnehmen
- Jemandem sagen, wohin du gehst und wann du zurück bist
- Touren wählen, die zu deiner Erfahrung passen, und rechtzeitig umkehren
Häufige Fragen
Soll ich bei einem verstauchten Knöchel den Notruf wählen?
Wenn die Person mit Unterstützung, eventuell mit Tape und Stöcken, sicher absteigen kann, ist das oft die bessere Lösung. Ist der Abstieg lang, steil oder wird es bald dunkel, ruf lieber die 112 an. Die Leitstelle entscheidet dann, welche Hilfe nötig ist.
Was ist, wenn ich den Standort nicht genau kenne?
Beschreibe so gut wie möglich, was du siehst: den letzten Wegweiser, markante Gipfel, einen See, eine Hütte. Bleib erreichbar. Die Rettungskräfte können oft über das Handy deinen Standort eingrenzen.
Muss ich bis zur Rettung bei der verletzten Person bleiben?
Wenn möglich, ja. Musst du gehen, um Hilfe zu holen oder Empfang zu finden, sorge vorher für Wärme und Sicherheit und kehre zurück, sobald du kannst.