Gehzeit berechnen: So planst du realistisch mit Kilometern und Höhenmetern
Die Faustformel nach DIN 33466, Leistungskilometer und Zuschläge für Pausen, Kinder und Gelände: so schätzt du die Dauer einer Wanderung zuverlässig ab.
„Wie lange brauchen wir dafür?“ ist die wichtigste Frage vor jeder Wanderung. Von der Antwort hängt ab, wann du losgehst, ob du die letzte Bahn erreichst, ob die Hütte noch Abendessen ausgibt und ob du vor dem Nachmittagsgewitter vom Gipfel herunter bist. Wer nur auf die Kilometer schaut, verschätzt sich fast immer, denn Höhenmeter kosten deutlich mehr Zeit als flache Strecke.
Zum Glück gibt es bewährte Faustformeln. Sie ersetzen nicht die Erfahrung mit dem eigenen Tempo, liefern aber eine sehr brauchbare Grundlage. Dieser Ratgeber erklärt die gängige Formel nach DIN 33466, eine Alternative mit Leistungskilometern und die Zuschläge, die du in der Praxis einrechnen solltest.
Das Wichtigste in Kürze
- Richtwerte nach DIN 33466: 4 km pro Stunde in der Ebene, 300 Höhenmeter pro Stunde im Aufstieg, 500 Höhenmeter pro Stunde im Abstieg.
- Berechne die Zeit für Strecke und Höhe getrennt. Die größere Zahl plus die Hälfte der kleineren ergibt die Gehzeit.
- Pausen sind nicht enthalten. Rechne pro Stunde Gehzeit etwa zehn Minuten Pause dazu.
- Gelände, Gepäck, Kinder, Hitze und Kondition können die Zeit deutlich verlängern.
- Vergleiche nach jeder Tour Planung und Wirklichkeit, dann lernst du dein eigenes Tempo kennen.
Die Formel nach DIN 33466
Die Norm DIN 33466 regelt eigentlich Wanderwegweiser. Sie enthält aber auch die Richtwerte, mit denen auf vielen Schildern in Deutschland die Gehzeiten berechnet werden. Diese Werte gehen von einer durchschnittlich trainierten Person mit leichtem Gepäck aus:
| Bewegung | Richtwert |
|---|---|
| Strecke in der Ebene | 4 Kilometer pro Stunde |
| Aufstieg | 300 Höhenmeter pro Stunde |
| Abstieg | 500 Höhenmeter pro Stunde |
Der Trick liegt darin, wie man die Werte kombiniert. Du rechnest zuerst zwei getrennte Zeiten aus:
- Zeit für die Strecke: Kilometer geteilt durch 4.
- Zeit für die Höhe: Aufstiegsmeter geteilt durch 300 plus Abstiegsmeter geteilt durch 500.
Dann nimmst du die größere der beiden Zeiten und addierst die Hälfte der kleineren. Das Ergebnis ist die reine Gehzeit ohne Pausen.
Ein Rechenbeispiel
Nehmen wir eine Rundwanderung im Mittelgebirge: 14 Kilometer, 600 Höhenmeter im Aufstieg und ebenso viele im Abstieg.
- Strecke: 14 km ÷ 4 = 3,5 Stunden
- Höhe: 600 ÷ 300 = 2 Stunden Aufstieg, 600 ÷ 500 = 1,2 Stunden Abstieg, zusammen 3,2 Stunden
- Die größere Zeit ist 3,5 Stunden, die Hälfte der kleineren 1,6 Stunden
- Gehzeit: 3,5 + 1,6 = 5,1 Stunden, also gut fünf Stunden
Zum Vergleich: Wer nur die Kilometer betrachtet, würde 3,5 Stunden ansetzen und sich um mehr als anderthalb Stunden verschätzen. Genau dieser Fehler führt dazu, dass Gruppen im Dunkeln absteigen oder den letzten Bus verpassen.
Ein zweites Beispiel für eine Bergtour: 9 Kilometer, 1.100 Höhenmeter hinauf und hinunter.
- Strecke: 9 ÷ 4 = 2,25 Stunden
- Höhe: 1.100 ÷ 300 = 3,67 Stunden plus 1.100 ÷ 500 = 2,2 Stunden, zusammen 5,87 Stunden
- Gehzeit: 5,87 + 1,13 = etwa 7 Stunden
Hier dominiert eindeutig die Höhe. Die Strecke ist kurz, aber die Tour füllt einen ganzen Tag.
Alternative: Leistungskilometer
In der Schweiz und bei manchen Tourenplanern ist das Prinzip der Leistungskilometer verbreitet. Dabei werden Höhenmeter in zusätzliche Kilometer umgerechnet. Eine gängige Variante: Jeder Kilometer Strecke zählt als ein Leistungskilometer, und je 100 Höhenmeter im Aufstieg kommen ein weiterer Leistungskilometer hinzu. Steile Abstiege werden mit einem kleineren Zuschlag berücksichtigt. Anschließend teilt man durch ein angenommenes Tempo, oft um die vier Leistungskilometer pro Stunde.
Für das erste Beispiel ergibt das 14 + 6 = 20 Leistungskilometer, bei vier pro Stunde also fünf Stunden. Das Ergebnis liegt nah an der DIN-Formel. Welche Methode du verwendest, ist zweitrangig. Wichtig ist, dass du die Höhenmeter überhaupt einrechnest.
Pausen und Zuschläge
Die Formeln liefern reine Gehzeit. In der Praxis kommen viele Dinge hinzu, die du einplanen solltest:
- Pausen: Rechne grob zehn Minuten pro Gehstunde. Bei einer fünfstündigen Tour sind das rund 50 Minuten, mit Mittagsrast eher eine Stunde oder mehr.
- Schwieriges Gelände: Wurzelpfade, Geröll, Blockwerk, Felsstufen oder nasse Abschnitte verlangsamen das Tempo deutlich. Auf schwarz markierten Bergwegen oder in Schneefeldern können die Richtwerte zu optimistisch sein.
- Gepäck: Mit einem Rucksack für eine Mehrtagestour bist du langsamer als mit Tagesgepäck, vor allem bergauf.
- Hitze: An heißen Tagen sinkt das Tempo, und du brauchst mehr Trinkpausen.
- Kinder: Kleine Kinder gehen deutlich langsamer und brauchen viel mehr Pausen. Plane mit Kindern lieber die halbe Strecke und doppelte Zeit.
- Gruppe: Die Gruppe ist immer so schnell wie die langsamste Person. Je größer die Gruppe, desto mehr Zeit geht für Sammeln, Fotostopps und Toilettenpausen drauf.
- Fotografieren und Einkehren: Unterschätze nicht, wie lange eine Einkehr auf der Hütte dauert, wenn es voll ist.
Vom Plan zum Zeitplan
Mit der Gesamtzeit kannst du einen Zeitplan aufstellen. Rechne vom gewünschten Ende rückwärts: Wann musst du spätestens zurück sein? Wann wird es dunkel? Wann fährt der letzte Bus? An Gewittertagen sollte das Ende deutlich vor dem frühen Nachmittag liegen.
Eine einfache Struktur für eine Tagestour könnte so aussehen:
| Punkt | Geplante Zeit | Notiz |
|---|---|---|
| Start am Parkplatz | 7:30 | Wetter am Vorabend und morgens geprüft |
| Hütte (Zwischenziel) | 9:45 | kurze Pause, Wasser auffüllen |
| Gipfel | 11:15 | Umkehrzeit: spätestens 11:45 |
| Rückkehr zur Hütte | 12:45 | Mittagspause |
| Parkplatz | 14:45 | Puffer bis zum Gewitterrisiko am Nachmittag |
Die Umkehrzeit ist das wichtigste Element. Sie legt fest, wann du spätestens umkehrst, auch wenn du dein Ziel noch nicht erreicht hast. Wer das vorher festlegt, muss am Berg nicht diskutieren.
Tageslicht nicht vergessen
Gerade im Frühjahr und Herbst unterschätzen viele, wie früh es dunkel wird. Ende Oktober geht die Sonne in Deutschland je nach Region schon zwischen etwa 16:30 und 17:00 Uhr unter, im tiefen Wald oder an Osthängen wird es noch früher schummrig. Vergleiche deshalb die berechnete Gesamtzeit inklusive Pausen mit der Zeit bis zum Sonnenuntergang und behalte mindestens eine Stunde Reserve. Eine Stirnlampe gehört trotzdem in jeden Rucksack, denn auch gut geplante Touren dauern manchmal länger.
Das eigene Tempo kennenlernen
Formeln sind Durchschnittswerte. Manche Menschen gehen deutlich schneller bergauf, andere sind im Abstieg langsamer, weil sie vorsichtig sind oder Knieprobleme haben. Notier dir nach einigen Touren, wie lange du für bestimmte Abschnitte gebraucht hast, oder nutz die Aufzeichnung einer Wander-App. Nach ein paar Wochen weißt du, ob du die Richtwerte mit einem Faktor korrigieren musst, etwa „bergauf zehn Prozent schneller, bergab zwanzig Prozent langsamer“.
Achte dabei darauf, dass Apps unterschiedlich messen. Höhenmeter aus GPS-Daten sind oft ungenau, besonders im Wald und in engen Tälern. Ein barometrischer Höhenmesser in Uhr oder Handy ist meist zuverlässiger, muss aber gelegentlich an einem bekannten Punkt kalibriert werden.
Wegweiser richtig lesen
Viele Wegweiser in Deutschland zeigen Gehzeiten statt Kilometer, besonders in den Alpen. Diese Angaben beruhen meist auf ähnlichen Richtwerten und gelten für eine Person mit durchschnittlicher Kondition, ohne Pausen. Wenn du merkst, dass du die angegebenen Zeiten regelmäßig deutlich überschreitest, ist das ein Hinweis, dass die geplante Tour zu lang sein könnte. Im Gebirge ist das ein Grund, rechtzeitig umzukehren.
Häufige Fragen
Warum ist der Abstieg schneller als der Aufstieg, fühlt sich aber anstrengender an?
Bergab arbeitet die Muskulatur bremsend, was besonders Oberschenkel und Knie belastet. Du bist zwar schneller, aber die Belastung ist hoch. Auf steilen, rutschigen Abschnitten kann der Abstieg sogar langsamer sein als der Richtwert, und genau dort passieren die meisten Stürze.
Gilt die Formel auch für Kinder?
Nur sehr eingeschränkt. Kinder haben ein ganz anderes Tempo und brauchen viele Pausen. Plane mit Kleinkindern lieber nach Zeit als nach Strecke, zum Beispiel zwei Stunden Gesamtzeit inklusive Spielen, und wähle die Strecke danach aus.
Wie viele Stunden Gehzeit sind für Einsteiger sinnvoll?
Für die ersten Touren sind drei bis vier Stunden reine Gehzeit ein guter Rahmen. Mit Pausen bist du dann fünf Stunden unterwegs. Steigere dich langsam, statt gleich mit einer Achtstundentour zu beginnen.